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  • Eva Katharina

Solidarität zeigen, aber bitte nur in eine Richtung

Wir stecken in einer Pandemie der Ungeimpften.
Alle, die sich nicht impfen lassen, sind eine Gefahr für die Allgemeinheit.
Ungeimpfte sind schuld an den hohen Infektionszahlen.

Diese Stimmen werden lauter und lauter. Die sozialen Medien sind voll von Hasskommentaren. Menschen werden in Schubladen gesteckt, und das nicht schon seit gestern. Können wir bitte mal aufhören, uns gegenseitig zu beschimpfen?

Fakt ist, wir stecken in einer Pandemie, seit zwei Jahren. Und alles was die Politik bis jetzt auf Lager hat sind Lockdowns, Masken und Verbote. Als erste Maßnahme war das alles am Anfang für mich zumindest komplett nachvollziehbar: Es war ein neuartiges Virus, man musste sich und die Mitmenschen schützen, Krankenhäuser nicht überbelasten. Viele zogen sogar Positives aus der Situation, hatten mehr Zeit für sich und die Familie. Andere standen kurz vorm Kollaps, weil sie sich alleingelassen fühlten.

Doch seitdem sind fast zwei Jahre vergangen. Zwei Jahre, in denen man genug Zeit gehabt hätte zu reagieren. Alternativen zu Lockdowns und Masken an Schulen zu finden. Stattdessen feiert man zwei Jahre später in Köln mit Tausenden munter Karneval, während kleine Kinder immer noch ohne Belüftungsanlagen aber trotz Test mit Masken in Schulen sitzen. Wohlgemerkt, dass Kinder ein relativ niedriges Risiko haben, schwer an Corona zu erkranken.


Was ich heute erlebe, ist einfach nur noch beschämend.

Es gibt seit gut einem Jahr die Möglichkeit, sich gegen Corona impfen zu lassen. Die Mehrheit hat dieses Angebot angenommen, etwa ein Drittel zögert oder lehnt eine Impfung unter allen Umständen komplett ab. Wer sind diese Menschen?

In der Öffentlichkeit werden sie dargestellt als eine homogene Masse der Ungeimpften. Unbelehrbare Schwurbler, die glauben, dass Bill Gates die Weltmacht an sich reißen möchte. Sie sind uninformiert, schlucken Abführmittel für Pferde gegen den Virus und glauben eigentlich eh nicht daran, dass es die Krankheit wirklich gibt. Obendrein sind das sowieso alles Nazis.


So der allgemeine Tenor, zumindest nehme ich das so wahr.

Schauen wir uns aber mal um. Es gibt bestimmt diese Unbelehrbaren, die alle Informationen aus unseriösen Quellen beziehen. Sogenannte Schwurblerplattformen, auf denen sich Coronaleugner herumtreiben. Ja, die gibt es, zur Genüge. Weil jeder im Internet veröffentlichen darf und es niemand kontrolliert. Ganz zu schweigen von Unwahrheiten, die über Kommentarfunktionen sozialer Netzwerke verbreitet werden. Wer liest also die Kommentare anstatt der Texte? Alle, die kein Abo für die Medien besitzen oder schlichtweg zu faul sind.


Da gibt es aber nicht nur diese unbelehrbaren Nazis und ungebildeten Menschen. Es gibt auch diejenigen, die sich sehr wohl mit der Impfung befassen, sich bei ihren Ärzten informieren, Menschen aus dem direkten Umfeld befragen, wie es ihnen denn nach der Impfung ergangen ist. Und es gibt diejenigen, die sich krankheitsbedingt nicht impfen lassen können. Und dann noch die Kinder. Die sowieso immer ausgesperrt werden, die man komplett vergisst, während man sich mit Inzidenzen beschäftigt, die ohnehin rein gar nichts über das tatsächliche Geschehen aussagen. Hieß es nicht im Sommer von Seiten der Politik, man werde sich nicht mehr nach Inzidenzen richten?


Wir wissen, dass sich auch Geimpfte anstecken können. Die Wahrscheinlichkeit ist geringer. Ist man doch infiziert, ist der Verlauf der Krankheit milder, das ist bewiesen. Anstatt also munter Infektionen zu zählen, die bei den meisten Menschen (auch Ungeimpften) glimpflich ablaufen, hechelt man Zahlen hinterher und schiebt sie den Ungeimpften in die Schuhe. Obwohl diese sowieso seit einigen Tagen und Wochen fast überall ausgesperrt wurden, und sich davor stetig testen mussten.


Ist es nicht vielmehr so, dass die Politik mal wieder verschlafen hat, diejenigen zu unterstützen, die jetzt mit dem Rücken zur Wand stehen? Ärzte, Intensivpfleger, Pflegepersonal in den Altenheimen? Mehr als ein müdes Klatschen im letzten Jahr gab es seitdem nicht. Stattdessen kündigen diese Menschen verständlicherweise reihenweise, weil sie es einfach nicht mehr aushalten. Deren Situation hat sich konstant verschlechtert und war auch schon vor Corona miserabel. Dagegen hat niemand etwas getan. Stattdessen half man den gebeutelten Fluggesellschaften und trug mit unsinnigen Maßnahmen dazu bei, dass Konzerne wie Amazon in so viel Geld schwimmen wir nie zuvor. Lohnerhöhung und mehr Erholungsphasen für Krankenhauspersonal war da nicht drin. Ganz zu schweigen von Lüftungsanlagen für Schulen und Kitas. Die seien schließlich viel zu teuer.

Und jetzt, wo mehr als deutlich wird, dass die Politik mal wieder versagt hat, ist es ein Leichtes, die etwa 30 Prozent der Ungeimpften für dieses Versagen verantwortlich zu machen. Ganz schön easy, oder?


Diese Schulzuweisungen gehen so weit, dass auf Instagram und Facebook munter Leute beschimpft werden, die sich (noch) nicht impfen lassen möchten, man Stories teilt, dass die Ungeimpften schuld sind, man sie regelrecht unter Druck setzt, sich doch jetzt bitte endlich mal impfen zu lassen. So ein Pieks sei ja wohl das Mindeste, was man für die Allgemeinheit tun könne.

So einfach ist es aber leider nicht. Wer selbst im Umfeld Menschen hat, denen es nach der Impfung so gar nicht gut ging, der denkt vielleicht mehr als einmal darüber nach, ob dieser Pieks denn wirklich so harmlos ist. Wenn einem jemand vor den Augen kollabiert und eine akute Herzmuskelentzündung aufgrund der Impfung erleidet, wenn Frauen wochen- oder monatelang nach der Impfung ihre Tage haben (sorry Männer, das könnt ihr leider nicht verstehen) oder wenn gesunde Menschen nach der Impfung im Rollstuhl landen und sich nicht mehr bewegen können, ja, dann denkt man mehrmals darüber nach, sich impfen zu lassen. Vor allem dann, wenn man viele kennt, die an Corona erkrankt waren, dabei aber nicht mehr passierte, als das man mal kurz nichts mehr schmeckt oder eine Woche mit Fieber und Gliederschmerzen im Bett liegt.

Damit möchte ich bei weitem den Virus nicht verharmlosen. Es gibt schwere Verläufe, Menschen mit Long Covid, die seitdem völlig ausgeknockt sind oder im schlimmsten Fall einfach verstarben. Etwas, das ich wirklich niemandem wünsche.

Was ich mir wünsche: dass man endlich mal aufhört, sich gerade in diesen Zeiten aufs Wiederwertigste zu beschimpfen, moralischen Druck auszuüben und einer Minderheit die Schuld in die Schuhe zu schieben. Stattdessen sollten wir einfach zusehen, uns vorsichtig zu verhalten, Verständnis zu zeigen, sachlich aufzuklären und Ängste, egal in welche Richtung sie gehen, ernst zu nehmen und nicht ins Lächerliche zu rücken.



Es ist an der Zeit, Solidarität zu zeigen, und das nicht nur in eine Richtung!

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